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Medienerziehung bei Kindern – Interview mit Nadia Polat

Medienerziehung Kinder: Interview mit Nadia Polat zu Bindung, Medienkompetenz & Kinderschutz Die Medienerziehung von Kindern stellt viele Eltern vor neue Herausforderungen. Wie gelingt ein achtsamer Umgang mit Bildschirmzeit, Apps und di...

Kidgonet Redaktion

Von Kidgonet Redaktion

Familie & digitale Medien

8 Min. LesezeitAktualisiert am 04. August 2025
Kindheitspädagogin spricht mit Eltern über Medienerziehung in der Familie

Die Medienerziehung von Kindern stellt viele Eltern vor neue Herausforderungen. Wie gelingt ein achtsamer Umgang mit Bildschirmzeit, Apps und digitalen Inhalten – ohne Kontrolle, aber mit Verbindung? In diesem Interview mit Nadia Polat sprechen wir über Medienerziehung bei Kindern, kindliche Selbstwirksamkeit im Netz und wie digitale Medien in bindungsorientierten Familien sinnvoll eingebettet werden können.

Digitale Medien im bindungsorientierten Alltag

Du begleitest Kinder und Eltern auf Augenhöhe, mit einem klaren Blick für ihre Bedürfnisse, Grenzen und Ressourcen. Welche Rolle spielen digitale Medien in den Familien, mit denen du arbeitest und welche Herausforderungen beobachtest du dort im Alltag am häufigsten?

In der Intensivwohngruppe, in der ich arbeite, spielen digitale Medien eine wichtige Rolle
im Alltag der Kinder und Familien. Als Kindheitspädagogin mit einem bindungsorientierten
Ansatz ist es meine Aufgabe, Kinder und Eltern auf Augenhöhe zu begleiten und ihre
Bedürfnisse, Grenzen und Ressourcen zu berücksichtigen, auch im Umgang mit
Technologie.

Eine der Herausforderungen, die ich häufig beobachte, ist die Begrenzung der
Bildschirmzeit, insbesondere bei Kindern, die nur am Wochenende nach Hause
zurückkehren. Es kann schwierig sein, die Zeit zu kontrollieren, die Kinder vor
Bildschirmen verbringen, und dies kann zu Konflikten führen. Es ist wichtig, gemeinsam
mit den Familien Strategien zu entwickeln, um eine ausgewogene Nutzung digitaler
Medien zu fördern und die Bindung zwischen Eltern und Kindern zu stärken, sowohl
während der Besuchskontakte als auch in der Intensivwohngruppe.

Ein weiterer Aspekt, den ich berücksichtige, sind Sicherheitsbedenken und der Schutz vor
schädlichen Inhalten im Internet. Da die Kinder nur begrenzten Kontakt zu ihren Familien
haben, ist es besonders wichtig sicherzustellen, dass sie online sicher unterwegs sind
und angemessene Inhalte konsumieren. Hierbei unterstütze ich die Familien und kläre sie
über Risiken und Möglichkeiten der digitalen Welt auf.

Zusätzlich ist es entscheidend, die persönliche Interaktion und Kommunikation innerhalb
der Familie zu fördern, auch wenn die Kinder nur am Wochenende zu Hause sind. Durch
eine bewusste und reflektierte Nutzung digitaler Medien können wir sicherstellen, dass
die Technologie die Bindung zwischen Eltern und Kindern stärkt und die Kinder in einer
sicheren und unterstützenden Umgebung aufwachsen können, sowohl in der
Intensivwohngruppe als auch zu Hause.

Zwischen Freiraum und Schutz – elterliche Balance im Medienalltag

Viele Eltern sind bemüht, ihr Kind liebevoll und achtsam durch die Welt zu begleiten, stoßen beim Thema Handy & Co. aber schnell an ihre Grenzen. Was hilft Eltern aus deiner Sicht, nicht in Kontrolle oder Angst zu verfallen, sondern in Verbindung zu bleiben?

Aus meiner Sicht gibt es einige Empfehlungen, die Eltern helfen können, eine gesunde
Balance im Medienalltag ihrer Kinder zu finden, ohne in Kontrolle oder Angst zu verfallen
und dennoch in Verbindung zu bleiben:

  1. Offene Kommunikation: Es ist wichtig, dass Eltern und Kinder offen über die Nutzung
    digitaler Medien sprechen. Eltern sollten ihren Kindern erklären, warum bestimmte Regeln
    und Grenzen bezüglich der Bildschirmzeit und des Online-Verhaltens wichtig sind. Durch
    eine offene Kommunikation können Eltern das Verständnis und die Akzeptanz ihrer Kinder
    fördern.
  2. Gemeinsame Aktivitäten: Eltern können gemeinsame Aktivitäten planen, die nichts mit digitalen Medien zu tun haben. Zeit miteinander zu verbringen, sei es beim Spielen, Basteln oder Spazierengehen, stärkt die Bindung zwischen Eltern und Kindern und fördert die Verbindung jenseits der Technologie
  3. Vorbild sein: Eltern sollten selbst ein gutes Vorbild sein, wenn es um die Nutzung
    digitaler Medien geht. Indem Eltern bewusst und maßvoll mit ihren eigenen Bildschirmen
    umgehen, zeigen sie ihren Kindern, wie wichtig es ist, eine gesunde Balance zu finden.
  4. Gemeinsame Regeln festlegen: Es ist hilfreich, gemeinsam mit den Kindern Regeln für
    die Nutzung digitaler Medien aufzustellen. Indem Eltern und Kinder gemeinsam
    Vereinbarungen treffen, fühlen sich die Kinder gehört und respektiert, während die Eltern
    weiterhin eine gewisse Kontrolle über die Situation behalten.
  5. Ressourcen nutzen: Eltern können sich über sichere und sinnvolle Nutzung digitaler
    Medien informieren, um besser auf die Bedürfnisse und Herausforderungen ihrer Kinder
    eingehen zu können. Es gibt zahlreiche Online-Ressourcen und Programme, die Eltern
    dabei unterstützen, einen verantwortungsbewussten Umgang mit Technologie zu fördern.

Indem Eltern diese Empfehlungen beherzigen und sich aktiv um eine ausgewogene und
bewusste Nutzung digitaler Medien bemühen, können sie eine gesunde Balance im
Medienalltag ihrer Kinder schaffen und gleichzeitig die Bindung und Verbindung zu ihren
Kindern stärken.

Kindliche Selbstwirksamkeit im Netz

In deiner Arbeit stärkst du gezielt die Selbstwirksamkeit von Kindern. Was bedeutet das im digitalen Raum? Welche Fähigkeiten brauchen Kinder, um auch in Online-Kontexten – etwa in Gruppenchats, bei Konflikten oder ungefilterten Inhalten, für sich einstehen zu können?

In meiner Arbeit ist es ein zentrales Anliegen, die Selbstwirksamkeit von Kindern zu
stärken, sowohl im analogen als auch im digitalen Raum. Im digitalen Umfeld bedeutet
Selbstwirksamkeit, dass Kinder das Vertrauen und die Fähigkeiten besitzen, um
selbstbewusst und kompetent in Online-Kontexten agieren zu können.

Um auch in Online-Kontexten für sich einstehen zu können, benötigen Kinder
verschiedene Fähigkeiten:

Eine wichtige Fähigkeit ist die Medienkompetenz, die es Kindern ermöglicht, digitale
Medien kritisch zu hinterfragen, Fake News zu erkennen und ihre PrivatsphäreEinstellungen zu verstehen. Zudem sollten Kinder über gute Kommunikationsfähigkeiten
verfügen, um klar und respektvoll in Gruppenchats zu interagieren und angemessen auf
Konflikte oder unangemessene Inhalte zu reagieren.

Selbstregulation ist eine weitere wichtige Fähigkeit, die Kinder benötigen, um ihre OnlineZeit zu kontrollieren, Pausen einzulegen und gesunde Online-Gewohnheiten zu
entwickeln. Empathie und Mitgefühl helfen Kindern, respektvoll mit anderen umzugehen
und Konflikte konstruktiv zu lösen, auch im digitalen Raum.

Es ist ebenso entscheidend, dass Kinder wissen, wie sie Unterstützung suchen können,
wenn sie mit Problemen oder unangenehmen Situationen im Internet konfrontiert sind. Sie
sollten sich nicht scheuen, sich an vertrauenswürdige Erwachsene zu wenden, um Hilfe
zu erhalten, wenn sie sich überfordert oder unsicher fühlen.

Durch die Förderung dieser Fähigkeiten und die Stärkung der Selbstwirksamkeit im
digitalen Raum können Kinder selbstbewusst und kompetent im Umgang mit OnlineHerausforderungen auftreten. Als Kindheitspädagogin ist es meine Aufgabe, Kinder dabei
zu unterstützen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und sie zu befähigen, sich sicher und
souverän in der digitalen Welt zu bewegen.

Medienkompetenz ist Beziehungsarbeit

Du betonst immer wieder, wie wichtig sichere Bindung und Co-Regulation für die Entwicklung von Resilienz sind. Inwiefern ist Medienkompetenz aus deiner Sicht auch ein Beziehungsthema und weniger nur eine Frage der Technik oder Regeln?

Medienkompetenz ist in meiner Sichtweise nicht nur eine Frage der Technik oder Regeln,
sondern eng mit Beziehungsarbeit und der Entwicklung von Resilienz verbunden. Ich
sehe Medienkompetenz als ein Beziehungsthema, das die Beziehung zwischen Eltern,
Betreuungspersonen und Kindern maßgeblich prägt.

Die Kommunikation und das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern spielen eine zentrale
Rolle in der Entwicklung von Medienkompetenz. Offene Gespräche über die Nutzung
digitaler Medien und das gemeinsame Aufstellen von Regeln stärken die Beziehung und
das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern. Gemeinsame Aktivitäten, bei denen digitale
Medien genutzt werden, können die Bindung vertiefen und positive Erfahrungen schaffen.

Empathie und Unterstützung seitens der Eltern im Umgang mit den Bedürfnissen und
Anliegen ihrer Kinder im Zusammenhang mit digitalen Medien fördern die Beziehung und
stärken die Resilienz der Kinder. Durch einfühlsames Eingehen auf die Kinder und ihre
Erfahrungen im digitalen Raum können Eltern eine unterstützende Umgebung schaffen,
die das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit der Kinder stärkt.

Die Vorbildfunktion der Eltern spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Indem Eltern selbst
einen verantwortungsbewussten Umgang mit digitalen Medien vorleben, zeigen sie ihren
Kindern, wie wichtig es ist, Medienkompetenz zu entwickeln. Diese Vorbildfunktion fördert
nicht nur das Verständnis für digitale Medien, sondern stärkt auch die Bindung zwischen
Eltern und Kindern.

Durch die Integration von Medienkompetenz in die Beziehungsarbeit können Eltern und
Betreuungspersonen die Resilienz der Kinder unterstützen und eine positive und
unterstützende Umgebung schaffen, in der Medienkompetenz als Teil des alltäglichen
Miteinanders betrachtet wird.

Unterstützung durch digitale Begleiter – aber bitte beziehungsstärkend

Wir entwickeln eine Kinderschutz-App, die Eltern nicht ersetzt, sondern sie in ihrer
Beziehung zum Kind unterstützt. Was müsste so eine Lösung unbedingt leisten, damit sie in dein pädagogisches Verständnis passt und echte Verbindung stärkt statt Kontrolle zu erzwingen?

Transparenz und offene Kommunikation sind entscheidend. Die App sollte Eltern dabei
helfen, mit ihren Kindern über die Nutzung digitaler Medien zu sprechen und gemeinsam
Regeln aufzustellen. Durch die Möglichkeit, die App gemeinsam mit den Kindern
einzurichten und die Funktionen zu erklären, wird Vertrauen und Verständnis gefördert.

Empowerment und Bildung sind weitere wichtige Aspekte. Die App sollte Eltern
unterstützen, Medienkompetenz zu entwickeln und ihnen Ressourcen zur Verfügung
stellen, um ihre Kinder sicher im digitalen Raum zu begleiten. Tipps, Leitfäden und
Schulungsmaterialien können Eltern dabei helfen, die digitale Welt besser zu verstehen.

Eine individuelle Anpassung der App an die Bedürfnisse und Entwicklungsstufen der
Kinder ist unerlässlich. Eltern sollten in der Lage sein, individuelle Einstellungen und
Regeln festzulegen, die auf ihre familiäre Situation zugeschnitten sind. Flexibilität und
Anpassungsfähigkeit sind entscheidend, um die Beziehung zu stärken und den Kindern
angemessene Freiheiten zu gewähren.

Positives Feedback und Belohnungssysteme können das positive Verhalten der Kinder im
Umgang mit digitalen Medien fördern. Die App könnte Mechanismen enthalten, um das
positive Verhalten zu verstärken und die Bindung zwischen Eltern und Kindern zu stärken.

Datenschutz und Sicherheit sind ebenfalls von großer Bedeutung. Die App sollte strenge
Datenschutzrichtlinien einhalten und sicherstellen,dass die persönlichen Informationen
der Kinder geschützt sind. Ein hoher Datenschutzstandard ist entscheidend, um das
Vertrauen der Eltern zu gewinnen und die Beziehung zu stärken.

Insgesamt sollte eine Kinderschutz-App, die die Beziehung zwischen Eltern und Kindern
unterstützt und echte Verbindung fördert, auf Transparenz, Kommunikation,
Empowerment, individuelle Anpassung, positives Feedback, Datenschutz und Sicherheit
setzen. Durch die Integration dieser Merkmale kann die App als unterstützendes
Werkzeug dienen, um eine gesunde und respektvolle Beziehung im Umgang mit digitalen
Medien zu fördern.

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