Künstliche Intelligenz ist längst Teil des Alltags und erreicht inzwischen auch Kinder im Grundschulalter. Spätestens seit Meta AI direkt in WhatsApp integriert ist, begegnen Kinder KI oft, sobald sie ihr erstes Smartphone bekommen. Doch was bedeutet das für ihre Entwicklung, ihre Sicherheit und den Familienalltag?
Laura Tzanev, erfahrene Digitaltrainerin, arbeitet seit Jahren mit Schulen, Eltern und Kindern zusammen. In Workshops vermittelt sie Medienkompetenz, spricht über Smartphones, Social Media, Gaming und KI und erlebt hautnah, wie Kinder heute mit digitalen Technologien umgehen. Im Interview mit Kidgonet teilt sie ihre Erfahrungen, warnt vor Risiken und zeigt Chancen für einen verantwortungsvollen Umgang mit Kindern und KI.
Laura
- Digitaltrainerin
- Schult Kinder, Eltern und Lehrkräfte zu KI & Medien
- Instagram
Laura Tzanev kommt ursprünglich aus der IT-Branche.
Sie arbeitete bei Unternehmen wie Microsoft und in IT-Beratungen, bevor sie sich entschloss, ihrer Leidenschaft zu folgen: Kinder, Eltern und Lehrkräfte im digitalen Alltag zu begleiten.
Seit rund vier Jahren ist sie als Digitaltrainerin tätig und besucht Schulen in ganz Deutschland von Grundschulen bis zu Universitäten. Dort spricht sie über Themen wie Smartphones, Social Media, Gaming und KI. Zusätzlich hat sie einen Lehrauftrag an der Hochschule München im Fach Wirtschaftsinformatik und hält Vorlesungen zur Einführung in die Künstliche Intelligenz.
„Mich bewegt die Arbeit mit Kindern und Familien viel mehr als Konzernstrukturen. Ich will Eltern und Schulen befähigen, Kinder im digitalen Raum sicher zu begleiten.“
Smartphone als Wendepunkt: Der Einstieg ins Digitale
Ein wiederkehrendes Thema in Lauras Arbeit: Der Moment, in dem Kinder ihr erstes Smartphone bekommen. Oft geschieht das beim Schulwechsel oder in der 5. Klasse. Für Kinder bedeutet das Freiheit und neue Möglichkeiten, für Eltern jedoch oft Unsicherheit.
Viele Eltern schenken Kindern ein Handy, um erreichbar zu sein, fühlen sich aber überfordert, wenn es um Sicherheitseinstellungen, App-Nutzung und Regeln geht. Hier sieht Laura ihre Rolle: Eltern einen Einblick in die digitale Welt aus Kindersicht zu geben.
„Wenn Eltern hören, dass Kinder abends in WhatsApp-Gruppen bis zu 1000 Nachrichten verschicken, sind sie schockiert. Für Kinder ist das wie ein digitales Klassenzimmer.“
Kinder und KI: Nutzung beginnt immer früher
Während KI früher nur in höheren Klassen thematisiert wurde, setzt die Nutzung heute viel früher ein. Grund ist vor allem Meta AI in WhatsApp, das Kindern direkt nach dem Start ins Smartphone-Leben begegnet.
„Kinder sagen mir, sie hätten einen neuen Freund, der immer alles weiß und sofort antwortet. Sie verstehen nicht, dass keine echte Person dahintersteht.“
Bereits Dritt- und Viertklässler kommunizieren regelmäßig mit KI-Systemen. Die Folgen:
- Fehlendes Verständnis: Kinder verwechseln KI mit echten Bezugspersonen.
- Datenschutz: Private Informationen werden unbedacht preisgegeben.
- Gefährlicher Missbrauch: Ab Klasse 5/6 kommt es vor, dass Schüler mit KI-Tools Nacktbilder von Mitschülern oder Lehrkräften generieren, was gravierende Folgen für die Betroffenen hat.
Chancen: Lernen mit KI
Neben Risiken sieht Laura auch große Chancen. KI kann Kindern beim Lernen helfen, wenn sie sinnvoll eingesetzt wird. Besonders empfiehlt sie die Plattform Fobizz, die EU-datenschutzkonform ist und Lernwege sowie Quizze für unterschiedliche Fächer anbietet.
Auch im Unterricht arbeitet Laura mit spielerischen Methoden:
- Kinder lernen, Fake News und KI-generierte Bilder zu erkennen.
- Sie reflektieren, welche Daten sie online preisgeben sollten.
- Ältere Schüler diskutieren über die Rechtslage zu KI-generierten Inhalten.
So wird Medienkompetenz Schritt für Schritt gestärkt.
Eltern zwischen Kontrolle und Vertrauen
Viele Eltern fühlen sich vom digitalen Alltag ihrer Kinder überfordert. Laura betont, dass Nähe und Vertrauen der Schlüssel sind.
- Eltern sollten Apps und Spiele gemeinsam mit den Kindern ausprobieren.
- Altersempfehlungen in App-Stores seien oft „willkürlich“ und kein verlässlicher Maßstab.
- Technische Hilfen wie Kidgonet mit Bildschirmzeit und Internetfilter sind sinnvoll aber kein Ersatz für Erziehung.
„Die beste Chance ist, wenn Eltern nah an ihren Kindern dran sind und selbst verstehen, was in Apps und Spielen passiert.“
Debatte um Verbote: Social Media für Kinder
Ein heiß diskutiertes Thema ist das Social-Media-Verbot für Minderjährige. Während einige Experten Verbote ablehnen, sieht Laura eine klare Notwendigkeit für Regulierung:
„Wenn man sich anschaut, welche Inhalte Kinder auf Social Media sehen, ist es fahrlässig, nichts zu tun. Da Plattformen nicht regulieren, braucht es Regeln von höherer Ebene.“
Sie hält ein generelles Verbot bis 16 zwar für unrealistisch, befürwortet aber Einschränkungen, um Kinder vor schädlichen Inhalten zu schützen.
Blick in die Zukunft: Kinder und KI im Jahr 2030
Wie sieht ein verantwortungsvoller Umgang mit Kinder und KI in Zukunft aus? Laura hat klare Vorstellungen:
- Schulfach Medienkompetenz: verpflichtend und kontinuierlich, nicht nur punktuell.
- Bessere Vorbereitung der Eltern: in zehn Jahren sind viele heutige Kinder selbst Eltern und können Risiken realistischer einschätzen.
- Stärkere Regulierung von Plattformen: weniger Zugang zu verstörenden Inhalten, mehr Schutzmechanismen.
- Mehr analoge Räume: Kinder brauchen neben der digitalen auch eine reale Erfahrungswelt.
Fazit: Kinder und KI erfordern Verantwortung
Das Interview zeigt eindrücklich, wie stark KI den Alltag von Kindern verändert. Chancen für Bildung und Lernen stehen massiven Risiken wie Datenschutzproblemen, Suchtverhalten und Missbrauch gegenüber.
Eltern, Schulen und Politik müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen:
- Eltern, indem sie digitale Nähe und Vertrauen schaffen.
- Schulen, indem sie Medienkompetenz systematisch vermitteln.
- Politik, indem sie Regulierung und Schutzrahmen setzt.
Nur so können Kinder lernen, KI kritisch und kompetent zu nutzen, ohne von ihren Gefahren überrollt zu werden.