Was tun, wenn das Kind ständig am Handy hängt – und jede Aufforderung zum Streit führt? Im Interview mit der systemischen Beraterin und Elterncoachin Janina van Bergerem sprechen wir darüber, wie Eltern in stressigen Situationen ruhig bleiben, innere Klarheit gewinnen und gleichzeitig liebevolle, aber klare Grenzen setzen können. Sie erklärt, warum unser eigenes Medienverhalten und alte Prägungen dabei eine wichtige Rolle spielen – und wie wir Verbindung statt Kontrolle in den Mittelpunkt stellen können.

Janina van Bergerem
- Elterncoaching mit Fokus auf Verbindung, Klarheit und Selbstwirksamkeit
- Unterstützung bei familiären Konflikten
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Viele Eltern geraten an Stress, wenn ihr Kind ständig am Handy hängt. Wie können Eltern in solchen Momenten gelassen bleiben und trotzdem klare Grenzen setzen?
Ich glaube, es gibt zwei Ebenen, auf denen wir ansetzen dürfen.
Der erste Schritt beginnt bei uns selbst. Wenn wir merken, dass wir innerlich kochen, ist es wichtig, einen Moment innezuhalten – oder auch im Nachhinein – und zu spüren: Was macht mich hier eigentlich so wütend oder hilflos? Oft steckt dahinter eine Angst, etwa, dass unser Kind sich verliert, süchtig wird oder den Bezug zur realen Welt verliert.
Diese Angst zu erkennen und zu benennen hilft, uns selbst zu regulieren. Denn je mehr wir bei uns sind, desto weniger reagieren wir aus dem Affekt heraus.
Und manchmal mischen sich in solche Situationen auch alte Prägungen ein: unbewusste Gedanken über uns selbst, die Welt oder unsere Kinder beeinflussen unsere Reaktion – ohne dass wir es merken. Wenn wir etwa glauben, dass Gehorsam gleich Liebe bedeutet oder dass wir als Eltern versagt haben, wenn das Kind nicht hört, dann kann so ein Konflikt innerlich ganz viel auslösen. Umso wichtiger ist es, sich dessen bewusst zu werden – und mit Mitgefühl auf sich selbst zu schauen.
Der zweite Schritt ist die Beziehungsebene. Statt sofort zu verbieten oder zu schimpfen, können wir unser Kind ins Gespräch holen: Was fasziniert dich, wenn du dein Handy nutzt, magst du es mir mal zeigen? Was brauchst du vielleicht gerade?
Wenn wir echtes Interesse zeigen, entsteht Verbindung. Und aus dieser Verbindung heraus können wir gemeinsam nach Lösungen suchen – altersgerecht und mit klaren, liebevollen Grenzen.
Denn am Ende geht es nicht darum, Kontrolle auszuüben, sondern Beziehung zu stärken.
Was hilft Eltern konkret dabei, ihren eigenen Anspruch loszulassen und im Alltag mit Mediennutzung nicht in Dauerdiskussion zu verfallen?
Ich glaube, es geht weniger darum, den eigenen Anspruch einfach loszulassen – sondern vielmehr darum, sich erstmal ehrlich zu fragen: Ist das überhaupt mein eigener Anspruch? Oder ist das etwas, das ich übernommen habe – aus meiner eigenen Kindheit, von außen, aus gesellschaftlichen Erwartungen oder von meinem Partner?
Nur wenn wir wirklich wissen, was uns persönlich wichtig ist – was zu unseren Werten, zu unseren Bedürfnissen und zu unserer Familie passt – dann entsteht innere Klarheit. Und diese Klarheit macht den Unterschied.
Kinder merken unglaublich genau, ob wir innerlich sicher sind – oder ob wir nur versuchen, irgendeine Regel durchzusetzen, mit der wir selbst eigentlich hadern. Wenn wir dagegen klar und gleichzeitig verbunden sind, brauchen wir viel weniger diskutieren.
Und dann hilft natürlich auch Struktur: Klare Regeln, zur Orientierung für alle. Rituale, die Sicherheit geben. Und gleichzeitig darf es flexibel bleiben. Es gibt Tage, da läuft der Bildschirm vielleicht mal länger – das ist kein Drama. Wichtig ist, dass wir in Beziehung bleiben, dass wir hinschauen: Was brauchen wir gerade? Was braucht mein Kind – und was brauche ich?
Welche Rolle spielt das eigene Medienverhalten der Eltern, wenn es um einen gesunden Umgang des Kindes mit dem Handy geht?
Ich glaube, unser eigenes Medienverhalten spielt eine ganz zentrale Rolle. Gerade wenn wir eine offene Beziehung zu unseren Kindern haben, dann halten sie uns auch regelmäßig den Spiegel vor – im wahrsten Sinne des Wortes.
Sätze wie „Du bist doch auch wieder am Handy“ kommen ganz schnell. Und sie haben damit nicht unrecht. Denn Kinder differenzieren nicht, ob wir gerade eine wichtige Mail beantworten oder einfach durch Social Media scrollen. Sie nehmen nur wahr: Mama oder Papa ist nicht richtig da.
Deshalb ist es so wichtig, dass wir das Handy bewusst weglegen – vor allem in Momenten echter Verbindung: wenn wir am Tisch sitzen, gemeinsam spielen, ein Gespräch führen. Und nicht nur zur Seite legen, sondern wirklich außer Sichtweite. Denn sobald das Handy im Blickfeld liegt, ist ein Teil unserer Aufmerksamkeit dort – und das spüren unsere Kinder sofort.
Ich merke das selbst immer wieder, z. B. in den Ferien: Wenn ich versuche, „nur mal eben schnell“ Nachrichten zu beantworten, wird die Stimmung sofort angespannter. Aber wenn ich das Handy ganz weglege, entsteht plötzlich Ruhe. Nähe. Verbindung.
Kinder lernen nicht durch Regeln. Sie lernen durch unser Vorbild. Und unser Verhalten gibt ihnen die stärkste Orientierung.
Wie lässt sich aus deiner Sicht Gelassenheit mit dem Wunsch vereinbaren, Kinder medienkompetent zu begleiten?
Für mich gehört das zusammen. Gelassenheit ist die Grundlage dafür, dass wir unsere Kinder überhaupt wirksam begleiten können – in allen Bereichen.
Denn wenn wir bei dem Thema ständig angespannt, kontrollierend oder genervt reagieren, verlieren wir das Wichtigste: die Verbindung zu unserem Kind. Und genau diese Verbindung brauchen wir, wenn wir medienkompetent begleiten wollen.
Es ist so wichtig, dass unsere Kinder spüren: Ich darf mit allem zu Mama oder Papa kommen. Wir können nicht alles kontrollieren. Auch deshalb ist es so wichtig, dass sie wissen: Wir sind immer für sie da – egal in welcher Lage sie stecken.
Gemeinsam hinzuschauen: Was tut dir gut? Was überfordert dich vielleicht? Und das funktioniert nur, wenn wir selbst ruhig bleiben, präsent sind und nicht aus Angst oder Macht heraus handeln.
Deshalb ist Gelassenheit kein Gegensatz zur Medienerziehung – sie ist die Basis dafür.
Was würdest du Eltern raten, die sich zwischen Vloggern zu streng in Sachen Medienkonsum ständig hin- und hergerissen fühlen?
Ich persönlich würde ihnen raten: Kommt zurück zu euch selbst.
Denn oft mischt sich in diese Unsicherheit auch unsere eigene Geschichte hinein – alte Prägungen, unbewusste Gedanken darüber, wie Eltern sein „müssen“, was ein „guter“ Umgang mit Medien ist oder welche Erwartungen wir an uns selbst stellen.
Diese inneren Stimmen machen es manchmal schwer, klare Entscheidungen zu treffen oder bei einer Linie zu bleiben – besonders, wenn wir dabei mehr im Außen als bei uns selbst sind.
Es gibt kein allgemeingültiges Richtig oder Falsch – und schon gar kein Schwarz-Weiß in der Medienerziehung. Was für eine Familie passt, kann für eine andere überhaupt nicht stimmig sein. Und selbst in der eigenen Familie kann sich das verändern.
Deshalb ist es so wichtig, nicht blind äußeren Meinungen zu folgen – sondern immer wieder nach innen zu spüren: Was fühlt sich für uns richtig an? Was braucht mein Kind gerade wirklich? Was brauche ich?
Das braucht Selbstvertrauen. Verbindung zu sich selbst. Und auch die Erlaubnis, Entscheidungen immer wieder neu zu treffen. Nicht, weil man wankelmütig ist – sondern weil man aufmerksam ist.
Denn das ist echte Präsenz: Nicht starr an Regeln festzuhalten, sondern aus einer inneren Sicherheit heraus flexibel reagieren zu können.
Elternschaft ist kein Wettbewerb. Es ist ein Weg – und der beginnt immer bei dir.