Christopher
Handynutzung bei Kindern ist für viele Eltern ein täglicher Balanceakt zwischen Schutz, Vertrauen und klaren Regeln. Ab wann ist ein eigenes Smartphone sinnvoll? Wie können Mütter und Väter Bildschirmzeiten begrenzen, ohne ständig in Konflikte zu geraten? Genau darüber sprechen wir in diesem exklusiven Interview mit Christopher End Expertin für Medienerziehung und Elternbegleitung. Sie gibt praxisnahe Einblicke aus ihrer Arbeit mit Familien, erklärt typische Stolperfallen im digitalen Alltag und verrät, welche Strategien wirklich helfen, damit Kinder verantwortungsvoll mit Handy, Social Media und Gaming umgehen lernen.
Du begleitest viele Eltern beim Umgang ihrer Kinder und Jugendlichen mit digitalen Medien. Was beobachtest du dabei besonders häufig im Hinblick auf die Handynutzung und wie gehen Eltern deiner Erfahrung nach damit um?
Viele Eltern sind verunsichert – und befinden sich in einem Dilemma: Auf der einen Seite wollen sie ihre Kinder schützen, auf der anderen Seite ermüdet sie der ständige Kampf um Handy, Social Media oder Games und belastet die Beziehung.
Und dann die Frage: Wie gefährlich ist der ganze digitale Kram überhaupt? Auch da wieder zeigt sich die ganze Palette: Auf der einen Seite schüren Medienberichte geradezu apokalyptische Ängste darüber, dass zu früher digitaler Konsum Gehirn und Psyche unserer Kinder dauerhaft schaden würde. Auf der anderen Seite hören wir Berichte von befreundeten Eltern, die ihren Kindern anscheinend komplett freie Hand lassen und damit angeblich gut fahren – gute Noten in der Schule inklusive.
Aber mein eigenes Kind kann sich überhaupt nicht von seinem Computerspiel lösen, und wenn ich nur das Wort „Vokabellernen“ ausspreche, gibt es einen riesen Streit. Kein Wunder, wenn Eltern verunsichert sind und sich fragen: Wie gehen wir mit diesem andauernden Medien-Konflikt bei uns in der Familie um?
Ab wann, glaubst du, sollten Kinder ein eigenes Smartphone bekommen und was braucht es, damit sie damit verantwortungsvoll umgehen lernen?
Wenn du mich fragst, wann Kinder ein eigenes Smartphone bekommen sollten, dann wäre meine Antwort: so spät wie möglich – am besten erst ab dem Jugendalter, sprich 13 Jahren.
Aber wie realistisch ist das? In den meisten Fällen ist das eigene Smartphone verbunden mit dem Eintritt in die weiterführende Schule. Selbst wenn Schulen Handyverbote einführen würden (was ich begrüßen würde) – der Druck der Peer-Gruppe ist groß. Und nicht einmal unbedingt in Form eines vorwurfsvollen „Wie, du hast noch kein Handy?“, sondern allein durch die Tatsache, dass Kinder heutzutage in einer digitalen Welt leben. Der Austausch erfolgt heute über Messenger, Sprachnachrichten und Videos.
Wenn mir das nicht zur Verfügung steht, ist das, als hätten meine Eltern in den 80ern keinen Telefonanschluss gehabt.
Wie lernen Kinder, damit verantwortungsvoll umzugehen?
Die Antwort wird vielen nicht gefallen: Sie lernen – wie fast alles – über einen längeren Zeitraum, übers Fehlermachen und vor allem in Beziehung. Ein Großteil unseres Lernens ist soziales Lernen. Das heißt: Es braucht ein Gegenüber, in dem Fall uns Eltern, mit dem ich mich auseinandersetzen kann – bestimmt und freundlich zugleich.
Das ist eine Herausforderung für viele Eltern. Die meisten von uns haben nur das eine oder das andere gelernt:
- Freundlich heißt zugleich nachgiebig
- Bestimmt heißt zugleich streng
Doch es gibt auch diesen anderen Weg: freundlich und bestimmt.
In deinen Workshops und Vorträgen: Gibt es Aha-Momente oder typische Reaktionen von Kindern, wenn es um Bildschirmzeit, Social Media & Co. geht?
Eher ein Seufzen, wenn ich erkläre, dass es – wie so oft im Leben mit Kindern – nicht die eine Lösung gibt, die für alle gilt.
Zu sehr kommt es auf den Charakter des Kindes an, den der Eltern und die familiäre Situation. Es ist nun mal ein Unterschied, ob mein Kind schon mit 10 Jahren die Serie nach einer Folge selbständig wie verabredet ausschaltet, oder ob es mit 15 noch sechs Stunden vor dem Fernseher hängt, wenn ich nicht die Streaming-Orgie beende.
Und: Habe ich überhaupt die Nerven und die Kraft, das tagtäglich mit meinem Kind zu üben? Oder bin ich ohnehin schon am Limit? Habe ich die finanziellen Ressourcen, um zwei Streaming-Dienste, ein neues Handy, Tablet und eine Spielekonsole zu finanzieren?
Wie so oft: Es kommt auf die einzelne Familie an.
Viele Eltern wünschen sich Orientierung, ohne ständig alles kontrollieren zu müssen. Welche Rolle kann Kidgonet dabei spielen, um Kinder sicher zu begleiten, ohne die Beziehung zu belasten?
Eine App kann super hilfreich sein – ersetzt aber keine Eltern.
Wenn ich damit Medienzeiten erfassen und festlegen kann, kann das vor allem dann helfen, wenn Kinder noch nicht gut die Zeiten selbst einhalten können oder Schwierigkeiten haben, ihre anderen Aufgaben selbständig und zuverlässig zu erledigen.
Allerdings haben Apps auch ihre Grenzen und Gefahren. Ich sehe das immer wieder: Dann macht die App nach 30 Minuten Schluss – aber der Video-Call mit den Freunden geht ja noch weiter – und ich werde einfach rausgekickt.
Was macht das mit einem Kind? Es ist vielleicht enttäuscht, traurig, beschämt – und vielleicht wütend auf mich. Dann habe ich den Konflikt doch wieder.
Deswegen sage ich: Eine App kann ein super hilfreiches Tool sein – aber sie nimmt mir nicht den Konflikt ab. Sie automatisiert lediglich die zeitliche Kontrolle. Dem Kind wird der Zugang zur digitalen Welt abgedreht – und das macht etwas mit ihm. Das zu begleiten, ist dann unsere Aufgabe.
Auch mit App bleibt: Wir Eltern müssen lernen, Kinder in ihren Gefühlen zu begleiten. Das ist es, was Kinder stark macht – auch für eine digitale Welt mit all ihren Verführungen und Gefahren.
Denn keine App kann Cybergrooming oder Mobbing verhindern. Wenn das passiert, wenn Kinder davon betroffen sind oder mit belastenden Inhalten in Kontakt kommen, dann brauchen sie uns.
Damit sie uns vertrauen, braucht es eine vertrauensvolle Beziehung. Diese herzustellen, ist unsere Aufgabe als Eltern. Der Schutz sind wir – und unsere Beziehung zu ihnen.
Wenn du dir ein digitales Tool für Familien wünschen könntest, was müsste es unbedingt können? Und was gefällt dir an dem Ansatz von Kidgonet besonders gut?
Mir wäre wichtig, dass das Tool Bildschirmzeiten sowohl auswerten als auch regulieren kann – und zwar über viele Plattformen hinweg.
Weil ein Kind meist nicht nur sein Handy nutzt, sondern vielleicht noch ein Tablet, einen Fernseher, einen Computer oder eine Spielekonsole. So könnte ich in einem ersten Schritt die Mediennutzung dokumentieren und mit meinem Kind gemeinsam herausfinden: Was macht mein Kind denn wo wie lang?
Es ist ja ein Unterschied, ob ich zwei Stunden aktiv in Minecraft eine Landschaft aufbaue oder ob ich passiv zwei Stunden lang durch Instagram scrolle.
Wichtig wäre mir, dass der Datenschutz sauber aufgesetzt ist, und dass es einen pädagogischen Teil für Eltern gibt. Wie gesagt: Eine App ersetzt keine Begleitung durch uns Eltern – wir bleiben verantwortlich, und dafür brauchen wir Unterstützung.
Für Kinder und Jugendliche wäre hilfreich, wenn die App das kommende Aus ankündigt: „In 10, in 5 Minuten läuft die Zeit ab.“ Dann könnte ich den Video-Call mit meiner Freundin selbst beenden oder rechtzeitig den Spielstand in meinem Game abspeichern.
An Kidgonet gefällt mir besonders, dass es unter anderem die Integration von Nummer gegen Kummer gibt. Denn wie gesagt: Keine App schützt mein Kind – das müssen immer noch Menschen tun. Am besten wir Eltern.