Digitaler Kinderschutz steht heute vor großen Herausforderungen: Kinderbilder werden unkontrolliert auf Social Media geteilt, KI verschärft die Risiken durch Deepfakes und Identitätsdiebstahl, und viele Plattformen schützen die Rechte von Kindern kaum. Im Interview spricht die Kinderrechtlerin Sara Flieder über die größten Gefahren im Netz, gibt praktische Tipps für Eltern und zeigt auf, wie Kinderrechte auch in der digitalen Welt besser gewahrt werden können.
Sara Flieder
- Soziologin & Politikwissenschaftlerin
- Instagram
Du setzt dich seit vielen Jahren für Kinderrechte ein. Welche besonderen Herausforderungen siehst du aktuell im digitalen Raum für den Schutz von Kindern?
Im Moment gibt es quasi keinen echten Kinderschutz auf Social Media, weder im Hinblick auf die aktive noch auf die passive Nutzung. Ja, es gibt Altersbeschränkungen, aber die können leicht umgangen werden. Eigentlich kann und wird jede Form von Kinderbildern im Netz geteilt. Frauen dürfen ihre Nippel nicht posten, aber Kinder werden halbnackt, in sexualisierten Posen, mit Fäkalien beschmiert oder blutend im Krankenhaus gezeigt. Ich hab echt schon alles gesehen. Kinderrechte spielen Influencer*innen leider kaum eine Rolle. Und durch KI verschärfen sich die Probleme noch: Viele junge Frauen und Mädchen berichten, dass Bilder von ihnen bearbeitet wurden und sie nun online nackt zu sehen sind. Oder ihnen wurde gleich die Online-Identität gestohlen.
Du warnst immer wieder vor den Risiken, wenn Kinderbilder öffentlich geteilt werden. Welche konkreten Tipps hast du für Eltern, um die Privatsphäre ihrer Kinder online zu schützen?
Ich würde Kinder schon früh mit einbeziehen. Man kann auch schon Zweijährige fragen, ob es ok ist, wenn man jetzt ein Bild von ihnen machen darf oder lieber gerade nicht. Niemals sollte man Kinder in vulnerablen Momenten filmen, wenn sie gerade weinen oder sich weh getan haben. Wie würde man das auch selbst finden? Man hat sich weh getan und der Mann kommt und hält die Kamera drauf, statt zu trösten und zu verarzten? Oder die Freundin filmt einen, wie man nach einem Glas Wein auf dem Sofa eingeschlafen ist? Ältere Kinder kann man sukzessive mit einbeziehen, wo sie was geteilt haben möchten: Ist es ok, wenn sie auf dem Social Media Account des Turnvereins zu sehen sind? Möchten sie, dass dann auch ihr Name dazu genannt wird? Kinder ab 16 Jahren sind alt genug, um komplett selbst zu entscheiden, aber natürlich müssen sie dazu vorher eine gute Medienkompetenz entwickelt haben. Grundsätzlich rate ich davon ab, Kinderbilder öffentlich zu teilen, weil diese Bilder dort nichts zu suchen haben und womöglich im Darknet landen können. Wenn man unbedingt Bilder teilen möchte, etwa mit Verwandten, dann in privaten Gruppen und am besten über sichere Messanger wie Signal oder Threema.
Wie können Eltern ihren Kindern helfen, einen gesunden Umgang mit Medien zu entwickeln, gerade in einer Zeit, in der digitale Angebote allgegenwärtig sind?
Zahlreiche Initiativen setzen sich bereits für Aufklärung ein – darunter „Schau hin“ oder „Gutes Aufwachsen mit Medien“. Auch das Deutsche Kinderhilfswerk bietet kindgerechte Broschüren an, die Eltern und Kindern wichtige Orientierung geben. Die rasanten Entwicklungen im Bereich Künstliche Intelligenz verleihen dem Thema zusätzliche Brisanz: Es geht längst nicht mehr nur um Sharenting, sondern um die grundsätzliche Frage, wie verlässlich und echt Bilder im Internet überhaupt noch sind. Schulen tragen dabei eine zentrale Verantwortung, Kindern den kritischen und sicheren Umgang mit sozialen Medien und KI zu vermitteln. Gleichzeitig sollten Eltern als Vorbilder handeln – denn wer selbst unbedacht Fotos der eigenen Kinder veröffentlicht, sendet die falsche Botschaft. So fällt es Kindern schwer zu verstehen, warum es nicht in Ordnung ist, ohne Einverständnis Bilder von Schulfreundinnen oder Schulfreunden in Chats oder auf Plattformen wie TikTok zu teilen.
Wo siehst du den größten Handlungsbedarf, wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche vor Risiken im Netz zu schützen und gleichzeitig ihre digitale Kompetenz zu fördern?
Dazu habe ich in Bezug auf Family Influencer zusammen mit Campact und dem Deutschen Kinderhilfswerk ein Rechtsgutachten herausgebracht, in dem wir auch ein umfassendes Schutzkonzept formuliert haben (DKHW_Campact-Studie-Kindeswohlgefaehrdung_2024.pdf). Wir sind für ein Einwilligungskonzept im Zusammenhang mit der Einwilligung zur Veröffentlichung von Bildnissen im Rahmen von §§ 22 f. KUG sowie Art. 6 DSGVO. Zum anderen bietet sich eine Reformierung des JArbSchG an, um Kinder auch finanziell an generierten Einnahmen zu beteiligen und überhaupt die Arbeitsbedingungen von Influencer-Kindern zu regeln. Insgesamt sind aber auch die Plattformen in der Pflicht, Kinder und Jugendliche zu schützen und zum Beispiel gefährliche Hashtags und Trends wie #Skinnytok zu regulieren. Es bleibt aber auch eine gesellschaftliche Aufgabe – und da sehe ich den Trend leider gerade nicht zugunsten von mehr Kinderschutz. Oft wird über ein generelles Verbot von SM für unter 16-Jährige gesprochen, aber das halte ich für den falschen Weg. Kinder und Jugendliche haben auch ein Recht auf digitale Teilhabe.
Kidgonet bietet Eltern technische Hilfsmittel, um Geräte kindersicher zu gestalten. Aus deiner Sicht – welche Rolle können solche Tools im Zusammenspiel mit Erziehung und Aufklärung spielen?
Das hängt natürlich vom Tool ab, das müsste ich mir genauer ansehen. Aber sie sind sicher eine gute Ergänzung.
Wenn du dir eine Vision für den digitalen Kinderschutz in den nächsten 5–10 Jahren wünschen könntest – wie würde diese aussehen, und welchen Beitrag könnten Projekte wie Kidgonet dabei leisten?
Es wäre toll, wenn Kinder und Jugendliche auch online partizipieren könnten, ohne dass sie Gefahren ausgesetzt sind. Denn generell ist es natürlich wichtig, dass Kinder auch dort einen Raum haben und selbst Medienkompetenz entwickeln können.